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Heinrich-König-Tage

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Heinrich-König-Tag 2009

Predigt vom 21. Juni 2009 – St. Augustinus Gelsenkirchen

von Rektor Egon M. Zillekens
Als ich vor genau einer Woche beim Rückflug von Lateinamerika mitten über dem Atlantik die Stimme des Piloten hörte, man möge die Plätze nicht verlassen und sich anschnallen, da wir durch Turbulenzen fliegen würden, beschlich mich ein ziemlich mulmiges Gefühl. Die Turbulenzen hatten es in sich - in über 11 km Höhe über dem Meer, also wahrlich nicht auf festem Boden.
Es war eine angespannte Atmosphäre in der Kabine. Ich weiß nicht, wie es bei den anderen Passagiern „da drinnen“ aussah, ich habe wie immer in solchen Situationen zum Rosenkranz gegriffen.

„Es ist mir, als würde mir der Boden unter den Füßen weggezogen“, das kennt jeder,
der plötzlich ohne Arbeit dasteht, ohne wirtschaftliches Auskommen, mit zerstörtem Selbstwertgefühl -
der durch eine plötzliche Erkrankung oder durch einen Unfall einen lieben Menschen verliert –
der vom Arzt hört, dass der Tumor im eigenen Leib nicht zu heilen ist -
der / dem nach Jahrzehnten Ehe der Partner / die Partnerin mit jemand anderes weggeht –

Vielleicht kennen Sie das Bild von Sieger Köder „Habt ihr noch keinen Glauben? (Mk 4) Sturm auf dem See? Das ist existenzielle Bibelauslegung: Die Bedrohung durch riesengroße Wassermassen wird sichtbar, ja spürbar. Pure Angst, Angst um das nackte Überleben spricht aus den Gesichtern der Bootsfahrer. Bemühen reicht nicht mehr aus. Sie sind an Grenzen gestoßen. Alles zerbricht. Und Jesus schläft!

Als Vikar Heinrich König am 30. September 1941 zu einem Verhör bei der Gestapo vorgeladen wurde, ahnte keiner, wohl auch er nicht, dass er nie zurückkommen würde. Als seine Schwester ihren Bruder am selben Tag im Polizeigefängnis (im Keller des ehemaligen Rathauses an der Ecke Ahstraße / Machensplatz) besuchen konnte, sah dieser sie mit verweinten Augen an – und sie hatte ihren Bruder vorher nie weinen gesehen. Die Zellen waren eng und dumpf, mit steinernem Boden, rauhen und unverputzten Wänden, hoch unter der Decke gab ein kleines vergittertes Fenster (das man vom Bürgersteig aus sehen konnte) spärliches Licht, die Ausstattung war eine Pritsche und ein Eimer.
Hier war Vikar König bis zum 2. Dezember, dem Tag seines Abtransportes ins KZ Dachau – nach Verhören durch die Gestapo, aber ohne Gerichtsverhandlung.

Wie hat es in diesen Monaten bei ihm „da drinnen“ ausgesehen?
Vorher hatte er einmal geschrieben: „Unser Vertrauen auf Gott muss so groß sein, dass wir uns ganz auf ihn verlassen. Das ist der Heroismus der Liebe, aus dem allein unsere Bewährung möglich ist. Heroismus muss sich in Demut zeigen. Christus geht den Weg des Vaterwillens, des scheinbaren Misserfolges – so müssen wir den Mut haben, Gott zu dienen, wie er es will.“

Im KZ gab es unter den vielen Priestern auch eine Anzahl von Schönstattpriestern, zu deren Gemeinschaft Vikar König seit 1922 gehörte, unter ihnen der Gründer Schönstatts Pater Josef Kentenich. In Gruppen versuchten sie, in den primitivsten Verhältnissen nicht selber primitiv zu werden, sondern naiv zu reagieren – naiv verstanden im theologisch-christlichen Sinne, also „als ernst genommene und gelebte Gotteskindschaft, als rückhaltloses Vertrauen auf Gott, das so fest und hellsichtig ist, dass es noch in den Mörderhänden der SS Gottes Vaterhände wahrnehmen kann“ (Kentenich in Dachau).

„Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?“
(Mk 4,38)
Auch dies ist ein Gebet. Wer mit Gott kämpft, wer mit ihm hadert, wer klagt, schreit, zweifelt, fragt und stammelt, kommt von ihm nicht los, bleibt in Verbindung mit ihm, traut ihm noch etwas zu.

Die Angst bleibt nicht erspart, aber die Angst und das Chaos und die Hölle haben nicht das letzte Wort.
Nur wer den Abgrund erlebt hat, kann die Hoffnung ahnen, die auch hier trägt.
Es ist eine geläuterte Hoffnung,
eine Hoffnung, die nicht überschwänglich ist,
eine „geerdete“ Hoffnung, die Platz lässt für Zweifel und Anfragen und die das Leben mit allen Facetten im Blick hat,
eine tiefe Hoffnung, die im Letzten trägt,
trotz allem, was immer wieder dagegen spricht.

Nach Zeugenaussagen von Mithäftlingen ist Vikar Heinrich König in den Monaten im KZ Dachau zu einem heiligmäßigen Menschen gereift. Sein gütiges, freundliches, stilles und liebevolles Wesen, das viele aus seinen Kaplansjahren und aus seiner Zeit als Präses der Kolpingfamilie Gelsenkirchen Zentral kannten und bezeugten, wurde noch abgeklärter.
Und dennoch: Kurz vor seinem Tod erwachte er noch einmal für 10 Minuten aus seiner Bewusstlosigkeit und fragte einen Mitbruder, der bei ihm sein konnte, wie es um ihn stehe, und nach dem Zeugnis dieses Priesters war die letzte Wahrheit noch einmal ein schwerer Schlag für Heinrich König, da er sich nach der Mutter und nach der Heimat so sehr sehnte. Dann habe er aber alles in Gottes Hand gelegt, gebeichtet, kommuniziert, den Sterbesegen empfangen und sei schließlich in den Armen dieses Mitbruders zum Vater gegangen, „wenn auch kein Mensch damals gedacht hätte, er würde so wegsterben. Sein Tod war der Anfang einer langen Reihe von Todesfällen unter den Dachauer Priestern“. (Reinhold Friedrichs, später in München Domkapitular)

Wir wissen heute genau, dass Vikar König ermordet wurde, dass an ihm wie bei vielen anderen medizinische Versuche an lebendigem Leib gemacht wurden – wie sehr er also gelitten hat.

Liebe Schwestern und Brüder in Christus!

Ich habe hier die Medaille der Schönstattpriester, auf der der erste Satz der heutigen Lesung steht: Caritas Christi urget nos (Die Liebe Christi drängt uns).
Paulus schreibt diesen Satz an seine Gemeinde in Korinth, mit der er keineswegs nur gute Erfahrungen machte. Nach menschlichen Maßstäben hätte Paulus das Tischtuch zwischen dieser Gemeinde und sich zerschneiden müssen, hätte diese Gemeinde ihre Chancen verspielt gehabt.
Aber Paulus hat begriffen, dass die Hingabe Jesu am Kreuz der neue Maßstab ist, den anderen zu sehen, die Gemeinde, die Kirche und alle Menschen. Es ist der Maßstab der bedingungslosen Liebe Gottes, die sich selbst gibt und sogar den Menschen erlöst, der sich selbst zum absoluten Maßstab macht.
Dagegen setzt Paulus den neuen Maßstab: Die Liebe Christi. Sie drängt ihn, es mit den Korinthern noch einmal zu versuchen und die eigenen Maßstäbe des Beurteilens, Bewertens und Einschätzens immer wieder zu überprüfen.

Diesen Satz „Die Liebe Christi drängt uns“ haben sich neben den Schönstättern auch andere geistliche Gemeinschaften als Motiv gewählt und versuchen, es in ihrem Leben wirksam werden zu lassen.
Das hat etwas mit Formung und Erziehung zu tun, mit Leben in Gruppe und Gemeinschaft.

Wir wissen aus den Forschungen von Herrn Rotthoff, der unermüdlich neue Quellen und Zusammenhänge entdeckt, dass Vikar Heinrich König schon als Gymnasiast die Gemeinschaft von Gleichgesinnten gesucht hat – im Quickborn, in der Studentenverbindung „Hochland“, in der liturgischen Bewegung, in der Nähe zu Romano Guardini und zu Burg Rothenfels und schließlich im Schönstatt-Priesterbund. Da ist Formung in Gruppe und Gemeinschaft geschehen, da liegen bei Heinrich König die Quellen für sein priesterliches Leben und schließlich – mit nur 42 Jahren – für seinen Opfertod.

In einem Pfarrhaus in Lateinamerika hängt im Eingangsbereich ein Bild aus dem Mittelalter, das auch die Stillung des Sturmes auf dem See darstellt. Es zeigt sehr anschaulich die verstörten Apostel im Boot, in denen sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter samt dem Pfarrer nach seelsorglichen und karitativen Einsätzen in dieser lateinamerikanischen Gemeinde oft wiederfanden, aber es zeigt auch den Jesus, der allem Widerwärtigem und Bösem Einhalt gebietet und sagt, dass letztlich er das Steuer in der Hand hat, dass man ruhig in seinem Boot bleiben und sich unter seiner Führung weiter abrackern kann.
Auf diesem Bild ist das Segel zerfleddert, aber der Mast hat die Form des Kreuzes, und dies ist und bleibt der Ernstfall der Liebe.


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